Andacht

Dem Nikolaus in die Schuhe geschoben

Nikolaus – der Name ist Programm. Nikä heißt „Sieg“ und Laios bedeutet „Volk“. Nikolaus heißt also: Das Volk siegt. Nicht die Herrscher.
Heute heißen viele Jungen Niklas oder Nick oder ähnlich. Aber in der Antike war dieser Name zunächst sehr selten. Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts allerdings wurde er in der römischen Provinz Lykien (heute Türkei) anscheinend plötzlich sehr beliebt. Das war die Zeit der Christenverfolgungen, die unter Diocletian ihren Höhepunkt fanden. Christen verloren ihre Bürgerrechte, wurden verfolgt, getötet. Wunderbarer Weise wurden die Christen dadurch aber nicht weniger, sondern ihre Zahl nahm im Volk stark zu. Man konnte sagen: das Volk, das waren die Christen. Der Name Nikolaus war damals Ausdruck des Widerstandes gegen den Kaiser und behauptete frech: Das Volk (der Christen) siegt. Und die Eltern der vielen Nikolause damals bekamen Recht: Im Jahr 313 werden die Christen im Römischen Reich geduldet, kurze Zeit später wird das Christentum zur Staatsreligion.
Einer dieser Namensträger, der spätere Bischof von Myra, war den kleinen Leuten herzlich zugetan. Drei armen Schwestern legte er Geld für die Aussteuer ins offene Fenster (oder kam es gar durch den Kamin?), damit sie nicht aus Not zu Prostituierten werden mussten, sondern ordentlich heiraten konnten. Als das Volk hungerte, soll er Korn von kaiserlichen Schiffen besorgt und verteilt haben.
Weil der heilige Nikolaus die Armen und Rechtlosen so mochte, kamen im Mittelalter Hamburger Stadtväter auf die Idee, vom Nikolaustag an bis zum 28, Dezember kleine Leute als Bischöfe regieren zu lassen: Sie schufen das Kinderbischofsamt. Denn am 28.12. wurde in den Messen das Magnificat gelesen: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ (Lukasevangelium 1,52) Für diese Zeit durften Kinder (Laien!) die Geschäfte des Bischofs führen. Danach war dann alles wieder beim Alten.
Diese Brauch nahm im Jahr 1999 Margot Käsmann wieder auf und setzte das Kinderbischofsamt in Nikolausberg bei Göttingen wieder ein, um den Wünschen und Klagen der Kinder Gehör zu verschaffen.
Gestärkt durch die Montagsgebete in der Nicolaikirche in Leipzig gingen im Jahr 1989 tausende Demonstranten auf die Straße und demonstrierten gegen einen diktatorischen Staat – Sie riefen: Wir sind das Volk! Und das Volk siegte. Dazu schrieb der Schriftsteller Hermann Goltz: „Die Staatssicherheit hatte ganz vergessen, den Heiligen in Sicherheitverwahrung zu nehmen. So tat er still seine Arbeit. Und alle wunderten sich über die Gewaltlosigkeit und über die Friedlichkeit des Umsturzes im Spätherbst 1989 um Sankt-Nikolai.“

Niklaus war ein guter Mann. Ein Heiliger des Volkes und der kleinen Leute.
Darum ist es eine schöne Tradition, an seinem Namenstag den Kleinen unter uns etwas Gutes in die Schuhe zu schieben. Und sich schon auf Weihnachten zu freuen. Denn dann hören wir im Gottesdienst wieder die alte Verheißung: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht.“ Jesaja 9,1

Es grüßt Sie von Herzen, Stefanie Rosenau, Pfarrerin im Schuldienst.