Andacht

Liebe Leserinnen und Leser, da ist wohl jemandem der Kragen geplatzt. So sieht es jedenfalls aus, wenn man per Smartphone seinem Herzen Luft macht und mitteilt, was einen bewegt. Damit jedem klar wird, was man meint und wie man sich fühlt, gibt es die Emojis, diese kleinen Bildchen, die Gefühle ausdrücken sollen und dem Geschriebenen sozusagen den richtigen Tonfall geben. Hier sieht es aus wie Ärger, Wut, Überdruss. Wie gesagt: da ist wohl jemandem der Kragen geplatzt.

Was aber, wenn es nicht der Kragen, sondern der Gürtel ist? Wenn man merkt, ich fühle mich nicht mehr wohl in meiner Haut? Ich fühle mich zu dick, zu unbeweglich, zu krank?
Am Anfang des Jahres sind die Illustrierten voll mit Diäten, die Hilfe versprechen: Umstellung der Ernährung, Aufspüren von schlechten Gewohnheiten, Überwindung des „inneren Schweinehunds“. Und wer es versucht, macht unterschiedliche Erfahrungen: Gelingen und Scheitern und manches dazwischen...

Mit dem Aschermittwoch am 6. März beginnt für Christinnen und Christen die Passionszeit. Fastenzeit wird sie auch genannt, weil das Fasten eine Weise ist, diese Vorbereitungszeit auf Ostern zu begehen. Fasten allerdings ist mehr als Diät halten, es ist eine geistliche Übung: Zeit mit sich selbst und mit Gott verbringen und dafür weglassen, was ablenkt.

Fastenzeit darf nicht auf Abnehmen reduziert werden; die Vorstellungen von Norm-Gewicht und Schönheitsideal verursachen ohnehin mehr Seelen-Leid als Zufriedenheit. Beim christlichen Fasten geht es vielmehr um die Einsicht in das Wesentliche, um das, was wichtig ist für das Leben. „Was trägt mich? Was ist gut? Wie will ich leben?“ Diese Fragen sollen das Fasten bestimmen.

Die Lippische Landeskirche lädt deshalb mit vielen anderen evangelischen Kirchen und katholischen Bistümern zum KLIMAFASTEN ein.

Ausprobieren eines Lebensstils, der nicht das persönliche Idealgewicht, sondern das Wohl der Welt in den Blick nimmt: Wie können wir leben, dass alle leben können?

Unbehagen hat schon viele ergriffen: Schülerinnen und Schüler demonstrieren an den „Fridays for Future“ für eine konsequente Klimaschutzpolitik, denn sie werden es sein, die die Folgen des Klimawandels erleben und aushalten werden müssen. Und dass sie dafür die Schule schwänzen, sorgt immerhin für anhaltende Aufmerksamkeit. Aber auch die Eltern blicken mit Sorge auf die Zukunft ihrer Kinder, Hausbesitzer rüsten auf gegen Wetterkatastrophen und die Kommunen investieren in Hochwasserschutz. So geht es nicht weiter!?

Protest und Wut angesichts von Tatenlosigkeit ist das eine, die Umstellung des Lebensstils jedes Einzelnen ist das andere, was nötig ist. Aber der Weg dahin ist schwer, denn wer will schon verzichten?

Teilen und Selbstbeschränkung sind mühsam, und wenn es Angst oder Zwang sind, die mich antreiben, werde ich verzagen: Was hilft es, wenn ich nur allein etwas anders mache?

Der Weg zum Wandel führt über eine Kultur des Genug. Die Klimafastenaktion „Soviel du brauchst“ ist überschrieben mit einem Motto aus der biblischen Geschichte vom Manna in der Wüste. Das Volk Israel wird auf seiner Wüstenwanderung ins Gelobte Land von Gott ernährt. Jeden Morgen finden die Menschen Manna, „Himmelsbrot“, auf dem Boden. Jeder ist aufgefordert zu sammeln, „soviel er braucht“ (2.Mose,16,16ff). Aber diejenigen, die mehr aufsammeln und etwas übrig behalten wollen für den nächsten Tag, erleben, dass ihr Vorrat schlecht wird. Sie haben Gott nicht vertraut, dass er ihnen am nächsten Tag neu gibt, was sie brauchen. Vertrauen und das Wissen um die Gaben Gottes führen zum Wandel.

Fastenzeit ist deshalb der Versuch, sich durch das Weglassen auf Gott auszurichten und Vertrauen wiederzugewinnen. Fasten ist kein freudloser Verzicht, sondern die Entdeckung dessen, der uns trägt. Natürlich erfahren wir im Verzicht auch, worin wir uns verstrickt haben, wovon wir uns abhängig gemacht haben, und das kann auch unangenehm sein. Aber schön wäre es doch, wenn wir am Ende mit einem fröhlichen Smiley dankbar feststellen können:

Ich habe genug! Mir reichts!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Pastor Thorsten Rosenau

 

Die 7 Wochen der Klimafastenaktion:

1. Woche: für mich
2. Woche: mein Energiehaushalt
3. Woche: achtsam essen
4. Woche: fairer Konsum
5. Woche: anders unterwegs
6. Woche: plastikfrei
7. Woche: gemeinsame Veränderungen

Weitere Informationen unter www.klimafasten.de
Einen Fastenbegleiter erhalten sie im Gemeindebüro oder in der Kirche