Andacht

Respekt

Liebe Leserinnen und Leser,

meine Freundin und ich gehen spazieren, unterhalten uns, während die kleine Lotte fröhlich voranläuft. Doch dann kommt sie zu uns und hält sich am Hosenbein ihrer Mutter fest. Was ist los? „Ach, der schwarze Hund hinter dem Zaun. Ja, vor Hunden hat Lotte Respekt,“ erklärt die Mutter. Respekt ist in der Umgangssprache ein anderes Wort für Angst. Aber das trifft nicht den ursprünglichen Sinn.

Die Schule hat wieder begonnen. Dort zu arbeiten wird immer schwerer, darüber sind sich alle einig. Der Grund dafür: Es fehlt an Respekt. Zwischen Schülern und Lehrern, Eltern und Lehrern, und erst recht unter Schülern untereinander. Es fehlt an gegenseitiger Achtung.

Doch was ist das, was alle vermissen?

Re-Spekt. Das kommt von dem lateinischen Wort re-spicere, meint: wieder ansehen. Zurückschauen. Noch einmal mit Distanz ansehen. Man schaut jemanden noch einmal mit Abstand an, weil man sich auf das erste Urteil nicht verlassen möchte. Dem schnellen Vor-Urteil nicht vertrauen will. Das ist gut.

Auf die Schule bezogen: Respekt, also Rücksicht, fehlt oft denen gegenüber, die anders sind. Weil sie etwa anders aussehen, in einem anderen Land geboren sind oder auch, weil sie eine andere Rolle einnehmen, die des Lehrenden zum Beispiel, und das kann unangenehm sein. Wer anders ist, könnte mich ja in Frage stellen, die Art, wie ich bin und lebe.

Dabei hat doch aus christlicher Perspektive jeder das Recht, anders zu sein. Anders als ich bin und anders, als ich es mir wünsche, so anders sogar, dass ich ihn als meinen Feind betrachte. Im Gebot der Feindesliebe (Mt 5,44) ist genau das gemeint: Der oder die, die so anders ist, dass Du ihn nicht ausstehen kannst, den sollst Du lieben. Selbstverständlich sind damit nicht Gefühle gemeint, die wären ja negativ, sondern gerade der Abstand von meinen Gefühlen: Respekt. Gott hat auch ihn gemacht. Und es gibt einen Grund, warum er da ist und so ist, wie er ist. Das reicht.

Dieser Gedanke ist biblisch wichtig, er kommt auch im Bilderverbot (2.Mose 20,3-6) zum Tragen. Denn das Verbot, sich ein Bild zu machen, bezieht sich nicht nur auf den unsichtbaren Gott. Auch von Gottes Ebenbildern (1.Mose 1,27) darf man sich kein Bildnis machen. Niemanden darf man festlegen: So bist du! Oder: So sollst du sein. Besonders in Beziehungen, die durch viel Nähe geprägt sind, sind wir in Gefahr, dem anderen zu nahe zu treten.

Wenn jemand in eine Schublade gesteckt wird: Aus dem Jungen wird nichts, der kommt ganz nach dem Vater. Wenn zum Beispiel Großeltern von jungen Eltern zu sehr zum Babysitten eingespannt werden, oder wenn alte Eltern selbstverständlich erwarten, dass ihre Kinder ihren Haushalt weiter führen, sobald sie es nicht mehr alleine schaffen. Dann fehlt Respekt: Der zweite Blick mit Abstand: Wer ist der andere denn noch, abgesehen von meinen Erwartungen? Ein eigener Mensch!

Das gilt natürlich auch für den Umgang mit sich selbst. Für den Blick in den Spiegel. Wen sieht man da? Meist nicht die Person, die man gerne sein möchte, sondern jemanden, die heute wieder nicht alles geschafft hat, was sie sollte. Der man die Auseinandersetzungen des Tages ansieht. Oder auch jemanden, der anderen etwas vormachen kann, was er selbst nicht glaubt. Auch da gilt: Abstand halten! Noch einmal hinschauen! Da ist mehr, als was vor Augen liegt. Die Person, die ich im Spiegel sehe, ist Gottes Ebenbild. Gott sieht ihre Geschichte, wie es geworden ist, was es ist, und er sieht auch die Möglichkeiten, die noch darin schlummern. Also auch hier:

Bitte etwas mehr Rücksicht, bitte Respekt!

Es grüßt Sie herzlich,
Ihre Pastorin Stefanie Rosenau