„Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut“.

Matthäus 2,10

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Stein ist ein Stein, ist ein...? Ein Versteck? Eine Hülle? Ein Bett?

Wer weiß, was in einem Stein ruht?

In diesem einen, von dem ich erzählen möchte, schliefen drei Könige. Ihren Stern hatten sie verloren. Dabei hatte alles so gut angefangen: Was für eine Entdeckung, dieser Stern. Er musste etwas Besonderes anzeigen. Sein Schweif leuchtete, als winkte er sie auf einen Weg. Sie hatten nicht lange gezögert, sondern sind aufgebrochen. Hellwach sind sie gewesen, als sie dem Stern folgten. Hellwach auf dem beschwerlichen Weg. Mit dem Stern hatte die Hoffnung gestrahlt. Großes würde sie erwarten, so groß, dass es alles übersteigen würde, was sie sich hatten vorstellen können.

Zum Schlafen war kaum Zeit geblieben. Am Tag waren sie ein paar Stunden in einen leichten Schlummer gefallen, der von Bildern und freudiger Anspannung durchzogen gewesen war. In der Nacht sind sie weiter gezogen. Und dann? Eines Nachts war der Stern verschwunden. Nicht mehr aufgetaucht an der Stelle, wo sie ihn erwartet hatten. Nicht mehr auffindbar zwischen den anderen. Lange hatten sie versucht, ihn wiederzufinden. Schließlich aber hatten sie aufgegeben. Was vorher gewiss war, wandelte sich nun in bedrängende Fragen: Wie sollte es weitergehen? Weitersuchen, obwohl man die Richtung nicht weiß? Oder umkehren an den Ort, von dem man aufgebrochen ist?

Zurück an die vertrauten Stätten, an denen man sich zwar auskennt, wo man jedoch das Ersehnte nicht finden wird? Luftleer ist dieser Zwischenraum, in dem man sich nicht entscheiden kann. Alles, was man tut, könnte sich später als falsch erweisen. Die Ungewissheit zermürbt auf unproduktive Weise.

Mutlos und müde waren sie. Müde von der verlorenen Hoffnung. Mutlos von der vergeblichen Anstrengung. Sie hatten die große Decke aus dem Gepäck gekramt. Dann hatten sie sich verkrochen unter dem schweren Tuch. Und waren in den tiefen Schlaf gefallen, der gelegentlich die Glieder bleiern macht. Als ob man nie mehr aufstehen könne.

Dann aber fand einer die drei Könige. Gislebertus war es wohl, der sie hervorholte aus ihrer Versteinerung. Wir kennen seinen Namen aus einer Inschrift. Er war der begabteste burgundische Steinmetz seiner Zeit. Im 12. Jahrhundert bekam er den Auftrag, die Kathedrale von Autun im Burgund mit seiner Kunst zu gestalten. Nun machte er sich an eines der Kapitelle, die die Säulen im Inneren schmücken sollten.

Ich stelle mir vor, wie er sorgsam den Stein bearbeitet. Wie er selbst neugierig darauf ist, was hervorkommen und unter seinen Händen entstehen wird.

Was mag zuerst zu sehen gewesen sein? Die Hand? Das Muster der Decke, ihre Rillen, ihre Struktur? Fast sehe ich vor mir, wie Gislebertus die Konturen der Könige aus dem Stein herausmeißelt, dann die große Decke hervorholt, unter der sie sich ausschlafen von ihrer Mutlosigkeit.

Und dann entdeckt Gislebertus den Engel im Stein. Zuerst einen Finger, der vorsichtig auf die Hand des ersten Königs tippt. Die Hand, die dazu gehört. Neugierig meißelt Gislebertus auch sie hervor. Das Gesicht des Engels: Hellwach.

Eine Hand des Engels tippt behutsam den ersten König an. Und der schlägt tatsächlich seine Augen auf. Irritiert schaut er den Engel an. Leicht spürt er den Finger auf der eigenen Hand, als berühre der Himmel die Erde. Dann folgt er mit seinem Blick der anderen Hand des Engels, die Gislebertus vorsichtig aus dem Stein herausmeißelt: Die Augen des Königs folgen dieser Hand nun, gehen dem langen Finger des Engels nach, der in den Himmel weist: „Da ist doch der Stern.“ sagt der Finger und deutet zum Firmament, das dunkel über ihnen geschwiegen hat. Und tatsächlich, da ist er, der Stern. Gislerbertus setzt vorsichtig den Meißel an und holt ihn hervor aus dem hellen Sandstein. Und der König? Sein Blick folgt der Hand, die zum Himmel zeigt. „Da ist doch der Stern“ sagt er leise und wischt sich die Augen. Vielleicht träumt er nur?

Doch auch beim zweiten und dritten Blick bleibt der Stern stehen. Als ob er schon immer dort gewesen ist. Was wird der König nun tun? Ich stelle mir vor, wie er sich löst aus seiner Versteinerung. Wie er die anderen weckt. Kommt, kommt, der Stern ist wieder da. Und dann löst sich die Müdigkeit auf wie Nebel im Sonnenlicht. In die schweren Glieder strömt neu das Blut. Und neuer Mut.

Alle drei sind plötzlich hellwach. Von der kühlen Nachtluft, dem klaren Himmel und dem wiedergefundenen Stern. Einer wagt sogar ein kleines jubelndes Tänzchen.

„Weiter, wir müssen weiter !“ sagt der zweite, der manchmal ein wenig zu vernünftig erscheint. Schnell packen sie die große Decke ein, trinken einen Schluck Wasser und machen sich auf den Weg.

Stumm wäre der Stein bis heute, ohne den Blick und die Hände des Gislebertus. Er ist es, der sieht, was darin ruht. In einem steinernen Klotz vermag er zu entdecken, was anderen verborgen bleibt.

Und so holt er die ganze Geschichte aus dem Stein hervor. Zunächst gibt er den Königen ihren Stern zurück. Da ist er doch, der Stern, seht ihr ihn nicht? Und die Menschen, die ihre Richtung verloren haben, bekommen eine Idee, wie es weitergehen könnte. Aber seine Geschichte geht weiter, bis heute erzählt er sie uns, und er erzählt uns damit auch unsere eigene Geschichte.

Denn das gibt es wohl in jedem Leben. Diesen Moment, in dem es nicht mehr weitergeht. Wenn nicht mehr gilt, was vorher galt. Und der Stern verschwindet, dem ich gefolgt bin und der mich leitet. Unauffindbar ist, was vorher so offensichtlich war. Und mit dem Stern geht auch die Hoffnung verloren, gehen verloren Mut und Antriebskraft. Bis man sich verkriechen möchte unter der schweren und dunklen Decke der Depression.

 

Möge Dir dann ein Engel begegnen,
der Deine Erschöpfung sieht.
Einer, der eine Geschichte erzählt,
die wie die eigene klingt.
Möge ein Engel Dir begegnen,
der sagt: Da ist er doch, Dein Stern.
Deine Hoffnung. Dein Weg.
Mögest Du selbst hin und wieder der Engel sein.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht

Pastor Thorsten Rosenau