Reisen Rückwärts

Liebe Leserinnen und Leser,

„Wart Ihr schon? Oder fahrt Ihr noch? Wann? Wohin? Wirklich, dorthin? Und wann kommt Ihr wieder?“ Wenn der Sommer kommt, kann man sich dem allgemeinen Fernweh kaum entziehen. Selbst die, die zu Hause bleiben, die es überhaupt nicht in auf Reisen drängt, unterhalten sich mit ihren Familienmitgliedern, Nachbarn oder Freunden über Reiseziele und Wege, Verkehrsmittel und das erhoffte oder erlebte Wetter am Urlaubsort, über Attraktionen, Kulturreise oder Badeurlaub.

 Von einer besonderen Reise habe ich neulich in einem Reisebericht einer Journalistin gelesen. Er hat mir gezeigt, dass man die Frage nach dem Urlaubsziel auch umkehren kann: Nicht: „Wohin geht es diesmal?“ Sondern: „Wo komme ich eigentlich her?“

Manchmal nehme ich verwundert zur Kenntnis, dass ich ja auch an einem Ort lebe, der für andere Reiseziel ist, Urlaubsland, Erholungsort. Andere wollen hierher, wo ich bin. Das eigene Lebensumfeld mal nicht als Ausgangspunkt, sondern als Ziel zu betrachten, setzt die Dinge in ein neues Licht. Wie bin ich eigentlich hierhergekommen? Und bin ich da, wo ich hinwollte?

Der Autorin des Reiseberichts ist irgendwann deutlich geworden, dass viele der Orte, an dem sie bisher gelebt hat, am gleichen Fluss liegen. Wenn man es ein wenig weiter fasst, hat sie der eine Fluss aus dem Dorf ihrer Kindheit begleitet, denn er mündet in einen weiteren, größeren, dann in einen Strom und schließlich ins Meer. Aber angefangen hat es in einer kleinen Quelle.

Und so hat sie sich auf eine Reise rückwärts begeben: Nicht nur äußerliche Landschaften waren das Ziel, sondern sie hat innerliche Landschaften bereist bis zu den Quellen.

Was hat mich geprägt? Was begleitet mich bis heute? Und ist auch etwas von damals verdunstet oder in einem Seitenarm stehen geblieben?

Die Psychotherapeutin Verena Kast schreibt in ihrem Buch Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben: „Aspekte der Lebensgeschichte neu zu erzählen, mit einem freundlichen Blick, kann helfen, sich mit dem Leben zu versöhnen.“

Manche müssen sich auf eine weite Reise begeben, um die Orte ihrer Kindheit und Jugend, des Erwachsenwerdens, des Familienaufbaus oder auch der Brüche zu erkunden, manche können alles in einem Dorf erleben. Ob in Gedanken oder tatsächlich auf der Reise, spannend ist es, wenn man als Erwachsener das Kind in sich selbst an die Hand nimmt, und sich diese Orte noch einmal ansieht: Mit welchen Gefühlen betrachte ich mein Elternhaus, meine Schule, meine Lehrstelle, meine erste selbst eingerichtete Wohnung? Sind es gute oder schlechte Gefühle? Und wie habe ich gelernt, mit ihnen umzugehen? Bestimmen sie mich heute noch? Oder habe ich zu dem, was sich mir damals eingeprägt hat, Abstand gewonnen?

In meinem Alltag treffe ich manchmal auf Menschen, die mir ihr ganzes Leben erzählen mit dem einen klagenden Grundton „Wenn nicht damals ..., dann wäre ich heute ….“. Und sie übersehen in dieser Erzählung die vielen Abzweigungen, die sie aus eigener Kraft hätten nehmen können, ja, sie erzählen nicht, was ihnen unterwegs schon alles gelungen ist und welche Kräfte ihnen zugewachsen sind, Aufgaben zu bewältigen. Manchmal gelingt es uns im Gespräch, die guten Geschichten ins Bewusstsein zu heben, und manchmal, wenn es wirklich gut läuft, sogar, sich mit den schlechten zu versöhnen.

Einen Weg der Erinnerung rückwärts zu gehen, kann uns an die Quellen führen, aus denen wir neu Kraft schöpfen können.

Die Jahreslosung für 2018 erinnert mich daran und macht mir Mut zu einer solchen „Reise rückwärts“: Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Offb.21,6

In diesem Sinnen wünsche ich Ihnen für die Reisezeit Gottes Segen: Kommen Sie erfrischt zurück, wohin auch immer Sie unterwegs sind!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Pastor Thorsten Rosenau