Erlebnis- und Besinnungsort Kirchhof Talle

Drohnenfoto Kirchhof Foto: Michael Klotz 2022

Historie: Der Platz um die Kirche war seit ihrem Bau um das Jahr 1100 als Friedhof ein „Heiliger Ort“ mit rechtlicher Immunität – also ein Schutzort, der sowohl für das Leben (Stichwort Asyl!) als auch für Hab und Gut Sicherheit vor Feinden zusichern sollte. 

Quelle: Lippisches Landesmuseum Detmold

FRIEDhof: Ursprünglich stammt das Wort „Friedhof“ nicht von „Frieden“ sondern von „frîheid“ („Freiheit, Immunität, gesonderter Rechtsbezirk“). An dem alten Wort „Einfriedung“ (Umzäunung) kann man diese Bedeutung noch erkennen. Auch dieser Friedhof ist von einer Mauer eingefriedet, früher war er durch Tore ringsum vollständig abgeschlossen. Daran erinnern sich alte Taller*innen noch. Der Begriff „Friedhof“ für einen Bestattungsplatz entstand erst im 19. Jh..1

Heiliger Ort: Ein Friedhof als heiliger, geweihter Ort sollte weder durch ungebührliches Verhalten noch durch Beschmutzung entweiht werden. Als praktisch erwies sich die Einfriedung durch eine Mauer also auch, denn sie verhinderte das Wühlen und die Hinterlassenschaften von frei im Dorf herumlaufenden Tieren (z.B. Schweine oder Hunde). 1

Seelenheil: In der Zeit vor der Reformation wollte man sich im Leben wie im Tod der Kirche eng verbunden fühlen (ad sanctos). Die Menschen glaubten, es sei für ihr Seelenheil besser, in der Nähe des Altars und der Heiligen zu sein. Die wurden nämlich als Fürsprecher bei Gott angesehen – auch für die Verstorbenen. 1

Unwürdig: Der mittelalterliche Brauch, Selbstmörder, Hingerichtete, Andersgläubige, Ehebrecher und weitere „unehrliche“ Personen von einem christlichen Begräbnis auf dem Kirchhof auszuschließen, hat sich an manchen Orten bis in die Neuzeit, also die Zeit der ältesten Grabsteine gehalten. Sie mussten außerhalb an anderen, ungeweihten Orten begraben werden oder an der Nordwestseite nahe der Friedhofsmauer. 1

GrabSTELLE: Wurde der Verstorbene wirklich genau hier unter dem Grabstein begraben? – Nein, ziemlich sicher nicht! Die Grabsteine wurden (wie auch an einigen anderen Kirchen) vermutlich schon mehrmals umgesetzt, weil das Gelände anders genutzt oder neu belegt werden sollte. Bis 2019 standen die meisten dieser Grabsteine noch aufgereiht um die Kirche herum. So waren sie dekorativ platziert, ohne im Weg zu stehen (z.B. beim Rasenmähen). Es gibt Fotos von 1959, auf denen die schneebedeckten Steine noch anders – vielleicht einige an ihrer ursprünglichen Stelle – zu sehen sind. Aber schon 1920 rätselte August Wiemann über die Geheimnisse zu Standort und Leben der Verstorbenen, ohne viele Antworten zu finden – und damals war der Friedhof „erst“ 42 Jahre geschlossen.

Richtungen und Dörfer: Die Vermutung, dass die Grabstätten von der Kirche aus in der Richtung des der Familien-Wohnsitzes angelegt waren (wie an vielen anderen Kirchen in der Region), halten wir für sehr unwahrscheinlich. Denn auf der Zeichnung sieht man, dass die meisten Dörfer im Südwesten liegen, wie Kirchheide, Matorf und Brüntorf. Hier ist das Gelände aber sehr beengt und wird durch die Taller Straße begrenzt, nach Osten ist hingegen viel Platz.

Foto: Dietmar Sommer

Osten: Bei Bestattungen ist eine Ostung üblich, das Gesicht blickt in die Himmelsrichtung Osten, wo die Sonne aufgeht und Jerusalem liegt. Denn im Osten erwarten die Verstorbenen nach christlicher Auffassung am Jüngsten Tag die Wiederkunft, das zweite Kommen Jesu Christi. Bei der neuen Gestaltung des Kirchhofs wurden die Grabsteine auch nach Osten ausgerichtet. Kannst du bestimmen, wo Osten ist? Und in welche Himmelsrichtung blicken wir, wenn wir in der Kirche sitzen?

Bild Chorfenster ER IST UNSER FRIEDE  

Reformation und „sola gratia“: Zu Beginn der Neuzeit wurde mit der Reformation die Verehrung der Heiligen als Fürsprecher und Mittler zu Gott abgelehnt – auch ihre Fürbitte für die Toten. Durch Luthers Lehre „allein durch die Gnade“ (sola gratia) war das Seelenheil des Verstorbenen nun nicht mehr von der Fürbitte der Heiligen abhängig, sondern allein in Gottes Gnade begründet. Daher hatte die räumliche Nähe zum Altar und den Heiligen theologisch keine Bedeutung mehr. 1

Andacht & Trost: Seit der Reformation rückte die Sorge um das Seelenheil der Verstorbenen in den Hintergrund. Die Hinterbliebenen sollten dort Trost finden können. Martin Luther schrieb 1527, dass der Friedhof ein "... feiner, stiller Ort ... darauff man mit Andacht gehen und stehen" könne, sein solle. Quelle: Mona Sabine Meis „Historische Grabdenkmäler der Wupperregion“